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Sommertag - Der Jüngling zu Nain oder: Warum wir den Winter verbrennen

Der Sonntag Lätare, bei uns auch als Sommertag oder Stabaus bekannt wird, nicht nur bei uns, mit Umzügen und einer Winterverbrennung gefeiert. Dabei setzt sich das Lätarefest in Iggelheim aus zwei ganz unterschiedlichen Teilen zusammen.

Der erste Teil davon ist das so genannte Weckvermächtnis, das auf einer alten Stiftung beruht. Pfarrer Thelemann schrieb dazu 1856: „Vor langer Zeit hatte eine ‚ledig verstorbene Weibsperson’ einen Acker der Kirchengemeinde vermacht. Für den Pachtzins sollten Wecken angekauft und auf den ‚Sommertag’, den Sonntag Laetare, in der (reformirten) Kirche an die Jugend ausgetheilt werden.“ Über den Acker, den Pachtzins, die Wecken und wer diese bekommen sollte wurde immer wieder gestritten und ein letzter Prozess im Jahre 1788 schuf die heutigen Fakten: Die Gemeinde wurde Eigentümer des Ackers und auch dazu verpflichtet für die Wecken zu sorgen, von denen jeder „ledige Einwohner der Gemeinde“ an dem besagtem Sonntag einen bekommen sollte.

Dies geschah dann auch bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Gemeinde erstellte Listen mit den Empfangsberechtigten und die Wecken wurden zuletzt auf dem Iggelheimer Schulhof verteilt. Allerdings wurden dann im Jahre 1957 von den 1591 zu verteilenden Wecken nur 1181 abgeholt, dass man sich kurzerhand entschloss, diese im Jahre darauf auszufahren. Und was lag da eigentlich näher, als dies in Form eines kleinen Umzuges zu machen?

Die Weckverteilung im Rahmen eines Umzuges bot sich geradezu an. Vor dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) wurde in Iggelheim ein Sommertagsspiel aufgeführt. Dabei stritten sich Sommer und Winter um ihre Vorzüge und über die Herrschaft im Land. Es kam zu einem Kampf, bei welchem der Winter natürlich unterlag. An diesem Tag hatten die Kinder übrigens auch das Recht Eier und Speck zu sammeln und diese dann auch gemeinsam – trotz Fastenzeit! – zu verzehren. Ganz offensichtlich wurde dieser Brauch nach dem Ersten Weltkrieg nicht wieder belebt. Seit Mitte der 20er Jahre gab es dann in Iggelheim bis 1939 (wie auch im Nachbardorf Böhl!) Sommertagsumzüge, bei denen wahrscheinlich auch ein Winter verbrannt wurde und am 23.3.1952 zog man wieder, vom Schwarzweiher ausgehend, durch den Ort bis hin zum heutigen TSV-Platz in der Jahnstraße, wo schließlich der Winter verbrannt wurde. Bei diesem Umzug 1952 war nicht nur ein „Winter“ mit von der Partie, sondern es fuhr auch ein „Reiterlud“ mit durch Iggelheim und diverse Wagen mit Märchenmotiven.

Bis zum Jahre 1957 liefen, sofern es einen Umzug gab, beide Veranstaltungen parallel nebeneinander her, beiden fanden am Sonntag Lätare statt und beide hatten und haben etwas mit der „Perikopenordnung“, also mit der Kirche zu tun. In dieser „Perikopenordnung“ war genau festgelegt, welcher Evangelientext in Laufe des Jahres an welchem Tag in der Kirche vorgetragen wurde. So wurde zum Beispiel am Sonntag Lätare immer wieder die Geschichte von der Brotvermehrung vorgelesen und es ist daher wenig verwunderlich, dass die überwiegende Mehrzahl aller bekannten Brot- und Weckstiftungen ausgerechnet auf diesen Tag fallen. Aber auch die Geschichte der „Winterverbrennung“ findet ihren Ursprung in eben jener „Perikopenordnung“, also in der Evangelientexten der Bibel. Dabei handelt es sich um die Geschichte des „Jünglings zu Nain“ (Lk 7,11-16):

„Und es begab sich danach, dass er (Jesus; Anm. Hain) in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und er trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter.“

Unweigerlich stellt sich hier natürlich die durchaus berechtigte Frage, was diese Geschichte mit der / unserer Winterverbrennung zu tun hat. Dazu muss man zwei Dinge zur Kenntnis nehmen. Zunächst wurden in früheren Geschichten aus der Bibel immer wieder in Bilder umgesetzt um den Gläubigen, die in der überwiegenden Mehrzahl weder Lesen noch Schreiben konnten, sich auch eine Bibel kaum leisten konnten, diese Geschichten zu versinn“bildlichen“. Relikte davon sind in unserer heutigen Zeit u. a. noch die Sternsinger oder die Passions- und Weihnachtspiele. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass der Sonntag Lätare auch als Mittfastensonntag bekannt ist und der letzte Brauchtermin der Fastnacht ist. So gehört das Hansel-Fingerhut-Spiel in Forst in diese Reihe, in Straßburg gibt es am Lätaresonntag einen Fasnet-Umzug und in Waldkirch im Schwarzwald kennt man seit mindestens 1687 die „Jungfrauenfastnacht“. Dabei ist die Fastnacht die Darstellung der nach der Lehre der hl. Augustinus „teuflischen Welt“. Mit dem Aschermittwoch und dem Empfang des Aschenkreuzes treten die reuigen Narren, die Vertreter dieser sündigen Welt, wieder ein in das Reich Gottes, die „civitas dei“ (Augustinus). Diese Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der rechtgläubigen Menschen kommt einer Auferstehung von den Toten und einem Entkommen aus der ewigen Verdammnis gleich. So wie man am Fastnachtsdienstag die Fastnacht, sprich den Narren, in Form einer Strohpuppe verbrannte (und auch heute noch verbrennt!), so spielte man am Sonntag Lätare die Geschichte des Jünglings von Nain nach. Man trug eine Strohpuppe vor das Dorf und verbrannte sie oder warf sie ins Wasser. Noch heute ist an Lätare dieser Brauch als „Todaustragen“ bekannt.

Da nun aber das religiöse Bewusstsein und das Wissen um all diese Geschichten seit Jahrzehnten immer mehr im Verkümmern ist, ging auch die Geschichte der Totenerweckung verloren und der Winter war ein willkommener Ersatz. Auch er symbolisiert dem Tod, der Frühling dagegen dessen Überwindung. Und so war es nahe liegend den „Winter“ zu verbrennen und die Auferstehung des Frühlings zu feiern – fernab aller religiöser Hintergründe.

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